4. Juli 2015

Minimalism TAG

Manche Dinge brauchen länger bei mir. Der Minimalism TAG geistert schon seit über einem Jahr durchs Netz, aber ich hab halt erst jetzt Lust bekommen, diese Fragen zu beantworten. Schändlicherweise weiß ich gar nicht, wer damit eigentlich angefangen hat. Die Idee hab ich jedenfalls von The Nife.


1. What drew you to minimalism?

Es gibt ja so die Geschichten von den geläuterten Hoardern und Messies. War bei mir nicht so, bei weitem nicht. Ich war aber auch nicht die geborene Minimalistin. Nachdem ich mit Studienbeginn aus Mutters Quality-over-Quantity-Fittichen draußen war, hab ich mir auch erst mal mein Zimmer vollgeramscht, will meinen, dekoriert.
Minimalismus als Lebensphilosophie habe ich irgendwann zwischen 2006 und 2009 aufgeschnappt. Interessant fand ich das Konzept vor allem in Kombination mit Kritik an Konsum- und Leistungsgesellschaft. Angezogen hat mich vor allem auch die Ästhetik heller reduzierter Räume. Von Umsetzung war aber erst die Rede, als ich 2009 durch eine längere Reise nicht nur philosophisch das Gewicht meines Besitzes bemerkt hab. Ich hab so minimalistisch gepackt gehabt wie noch nie und trotzdem war die Hälfte nutzloser Ballast. Ich glaub, sogar schon am ersten Tag der Ankunft zu Hause fing mein radikales Ausmisten an.
Meine erste Faszination war tatsächlich, wie bei den meisten Leuten, materiell: Weniger Zeug = weniger Putzen, mehr Platz, mehr Geld, mehr Zeit, mehr Qualität, weniger schleppen.


 2. How did you start the decluttering process?


Radikal. Mit wildem Enthusiasmus und durchaus einiger Aggression wurde alles rausgehauen, was ich nicht will und nicht brauch. Ich war wie besessen, hab auf Essen und Trinken vergessen. Die Entscheidung stand, das Klumpert muss weg. Mit Aktionen wie "jeden Tag ein Ding weniger" wäre ich nie glücklich geworden. Hat ja keinen Effekt, kein Drama. (So zizerlweis* Entrümpeln würd ich auch niemandem empfehlen, weil die "Erleuchtung" dann wegbleibt, den man hat, wenn man ein Wochenende lang kräftig ausmistet und das Ergebnis so richtig sieht. Zizerlweis ist unsichtbar und motiviert nicht.)
Der Wahnsinn ging schubweise über 2 Jahre und bei jedem Schub bin ich meinen kompletten Besitz durchgegangen. Das Ausmisten war bei mir ein Prozess, eine ständige Neuevaluation. Manche Dinge hatte der Kopf beschlossen, aber das Herz war erst in der nächsten Runde bereit. Andere Dinge mussten erst ob ihrer tatsächlichen Verwendung beobachtet werden.
Seit etwa 3 Jahren würde ich sagen, dass der Ausmistprozess vorbei ist. Klar gibt es immer wieder mal Dinge wie Fehlkäufe, die in den Freundeskreis wandern, aber das sind großteils Aufbrauchsachen (Kosmetik, Lebensmittel). Es hat sich ein stabiles Besitzlevel eingependelt.

Viel interessanter hätte ich an dieser Stelle die Frage gefunden: What happened after the decluttering process? Ich glaub, die meisten Leute haben eigentlich gar nicht so das Problem damit, mit dem Ausmisten anzufangen. Es ist eher so, dass während und nach dem großen Entrümpeln viele Entwicklungen losgetreten werden. Ich habe gelernt, Besitz und Beziehungen nicht als selbstverständlich anzusehen. Meine Wunschvorstellungen und mein Fantasy Self einem Realitycheck zu unterziehen.


 3. Have you ever counted all your things? If so, how many things do you own?


Besitz zählen finden viele doof, aber es kann schon sehr erleuchtend sein, das zum Beispiel in der Anfangsphase einmal zu machen. Ich bin kein Zahlenmensch, aber ich hab aus Interesse und Prokrastination tatsächlich schon zweimal das Volumen meines Besitzes dokumentiert. Ich wollte wissen, wie viele Umzugsschachteln ich eigentlich bräuchte und hab mir tatsächlich die Mühe gemacht, das direkt auszutesten. Es war interessant, aber bissl mühsam und die Zahl der Umzugskartons, vor allem je nach Besitzbereich war nicht immer mit meinem persönlichen Empfinden übereinstimmend.
Wie viel ich jetzt grade besitze? Hm, ich würde sagen, tetrislike eingeschlichtet würde alles in meinen Kleiderschrank (150x60x220) passen, plus Möbel, Fahrrad und Instrumente. Ja, und was sagt das jetzt aus? Sagt das jetzt was über die Herkunft, die Qualität, den ökologischen Fußabdruck aus, die Bedeutung die mein Besitz für mich hat? Wie viel lagere ich bewusst und unbewusst aus? Was zählt zu persönlichem Besitz?
Ohne Bezugssystem sind das leere Zahlen. Aber so ein Bezug ist hergestellt, wenn man zum Beispiel mit Fotos oder Inventarlisten einen motivierenden Vorher/Nachher-Vergleich anstellt. Dann liegt aber die Aussagekraft allein innerhalb dieses Bezugsystems. Man sieht, wie viel man ausgemistet hat. Wie viel mehr der Platz geworden ist. Nicht mehr und nicht weniger.


 4. What are your tips for dealing with the desire for more?


Der Wunsch nach Mehr bedeutet, dass es keinen tatsächlichen Mangel gibt, den es zu beenden gilt, sondern dass man darüber hinaus mehr haben will, oder? Aber noch keine Sucht.
Ich denke, bei dem Wunsch nach Mehr geht es um zwei Dinge. Einerseits ist Konsum oft der Versuch, Bedürfnisse materiell zu befriedigen, die immateriell befriedigt werden wollen. Andererseits ist Kaufen zwar nicht immer eine Sucht, aber eine Gewohnheit, die erstmal durchbrochen werden muss.
Vermutlich ist das Effektivste, zeitlich abgesteckter kalter Entzug. Eigentlich egal um welche suchtähnliche Gewohnheit es geht, sei es Internetberieselung oder Shoppen oder nach dem Essen Naschen, ich finde kalten Entzug die effektivste Methode, um sich des Ausmaßes der Gewohnheit bewusst zu werden und zwangsläufig (gute!) Ersatzhandlungen finden zu müssen. Nach dem Durchbrechen der Gewohnheit ist man auch besser fähig, sie in einem sinnvolleren Maß wieder einzuführen (oder in manchen Fällen es sogar überhaupt sein zu lassen). Die Dauer des Entzugs richtet sich v.a. nach der Häufigkeit der Gewohnheit. Wer jeden Tag viele Stunden vor Katzengifs hängt, dem reichen vermutlich schon 7 Tage, wer jede Woche Shoppen geht, sollte lieber 3 Monate einplanen. Weil sich alte Gewohnheiten gerne wieder einschleichen, kann es sinnvoll sein, die üblichen Verdächtigen immer wieder mal zu pausieren.
Klar kann man auch irgendwie schrittweise reduzieren, aber ich bin ein Fan von ein bisschen Drama, weil man Dinge nicht so klar wahrnimmt, wenn sie sich nur ein bissi verändern. Es ist aber ungefährliches Drama, weil es ein abgesteckter und nicht übermäßig langer Zeitrahmen ist (in 3 Monaten zerschleißt einem ja nicht gleich die gesamte Jeansabteilung seines Kleiderkastens). Dafür lieber öfter.
Ich hab keine shopping fast machen müssen. Was mir die Augen geöffnet hat, war der Aufwand in unserer Überflussgesellschaft, das angeschaffte Zeug wieder loszuwerden: Geld (wegen Wertverlust), Zeit, Nerven. Da überlegt man sich echt dreimal, ob man sich wieder was kauft. Außerdem versuche ich es lieber erstmal "ohne" (zB: bei der neuen Sportart reicht sicher auch das erstmal oder überhaupt, was man eh daheim hat). Manchmal schreib ichs mir auch auf eine Liste und warte, ob ich etwas in zwei Wochen, zwei Monaten immer noch haben will. Ich war aber auch nie so wirklich kaufwütig. Nichtessbares einkaufen zu müssen nervt mich eher, all die Eindrücke, die Menschen, die Zwangsbeschallung, der Überfluss, in dem es dann trotzdem nicht gibt was man sucht... Ich kenn den Wunsch nach Mehr von mir selbst irgendwie nicht so. Ich kenn aber das Problem der suchtähnlichen Internetberieselung und weiß daher, von was ich oben beim kalten Entzug schreibe.
Gibt es den Wunsch nach Mehr auch im nichtmateriellen Bereich? Ich wüsste jetzt nicht, wo. Das ist doch eine ziemlich konsumistische, kapitalistische Geschichte oder? Oder fällt dir was ein? Etwas, das weder nur Beseitigung eines Mangels ist (Liebe, Bewegung, ...), noch schon tatsächliche Sucht (Spielsucht, Sexsucht...).


 5. How do you deal with non-minimalists in your life?

Ich rede über das Thema eigentlich nur, wenn es aufkommt und dann auch nur sehr subjektiv. Zum Beispiel erzähle ich dann, dass mich zu viel Besitz einfach nervt, weil man das alles ja auch blöd putzen muss. Leuchtet den Leuten immer ein. Das Thema Minimalismus kommt in letzter Zeit (wenngleich auch nicht unter diesem Namen) in Gesprächen mit Freunden, Bekannten, Fremden immer häufiger vor. Ganz viele Menschen sind ziemlich gefrustet von Überfluss, Konsumzwang, Zeitnot.
Mein Umfeld ist generell sehr minimalismusfreundlich. Manche lassen sich inspirieren, manche akzeptieren einfach nur meinen kleinen Tick. Ich werde sogar immer wieder mal als Ausmisthilfe gebraucht, selbst wenn ich nur mit meinem Teehäferl auf der Couch sitz und zuschau.
Ausgesprochene Nichtminimalisten lass ich einfach mit dem Thema in Ruhe. Jedem das seine.


 6. Do you have any guilty pleasures where minimalism doesn't apply?

Nein. Denn wenn mir etwas wichtig ist oder ich es einfach mag, dann ist es ja kein guilty pleasure. Alles was ich besitze, verwende und (oder) mag ich. Es kommt auch immer auf den Bereich an, beim Kleiderschrank zB ist extremer Minimalismus nicht sinnvoll für mich (Kleidung zerschleißt mir schneller als ich befriedigend nachkaufen kann). In anderen Bereichen hilft mir dagegen wiederum Extremminimalismus. Und es gibt durchaus noch den einen oder anderen Gegenstand, den mein Herz nicht gehen lassen will, und das darf auch so sein. Ausmisten um des Ausmistens Willen bringt ja keinem was. Minimalismus ist kein Selbstzweck sondern ein Hilfsmittel und soll das Leben erleichtern.


Jetzt bist du dran! Ich bin neugierig, wie du diese Fragen beantwortest. Gerne auch in deinem Blog, lass mir doch dann ein pingback da! Beantworte alle Fragen, oder pick dir was raus! Wie tickst du beim Minimalismus - fühlst du dich als Minimalist, oder schnupperst du in das Konzept nur rein?



* zizerlweis ist zizerlweis halt. Ja ich weiß auch nicht wie ihr Deutschen dazu sagts. Das österreichische Wörterbuch sagt: "nach und nach, in kleinen Stücken", aber das trifft nicht ganz die Bedeutung. Diese kleinen Stücke sind bei zizerlweis wirklich miniminimini. Es hat auch so einen gewissen Nervcharakter und Ungeduld dabei. So wie wenn kleine Kinder in aller Ruhe zizerlweis Buchstabe für Buchstabe aus der Suppe klauben und du eigentlich echt dringend wohin musst. Dieser wichtige Teil der Wortbedeutung geht bei "Stück für Stück" verloren und deswegen steht oben auch zizerlweis.

Kommentare:

  1. Ich schnupper in das Konzept nur ein bisschen rein, weil ich merke, dass zu viel Auswahl in einer Kategorie mich überfordert und hemmt - mein zu viel kann aber wohl durchaus einem "echten Minimalisten" die Haare zu Berge stehen lassen, denke ich ;). Ich finde die Fragen trotzdem interessant und hab tatsächlich ganz schön lange darüber nachgedacht. Ich schnapp mir trotzdem mal nur die Hälfte der Fragen, weil der Rest nicht passt.

    1. Ich hasse shoppen. Zuviel Auswahl überfordert mich, also ist es für mich am komfortabelsten, wenn ich genauso viel habe, wie nötig - auch ohne Minimalismus oder mit der Sparversion von Minimalismus. Wenn an einem Stück Erinnerungen hängen - zB die 5 DM-Münze von meiner Uroma - dann kann die 10x sinnloser Besitz sein und bleibt trotzdem. Meine Pflanzen sind völlig sinnlos, trotzdem will ich sie behalten usw. Ich könnte gut ohne so vieles leben, will es aber nicht.

    4. bei Käufen 14 Tage warten, die meisten Wünsche vergesse ich tatsächlich in der Zeit und dann war es nicht so wichtig. Was dann zu mir kommt, hat meist seinen Sinn und Zweck. Die gedankliche Kategorie "wunderschön, aber nichts für mich" ist absolut hilfreich. Bei eingeschlichenem Verhalten hilft ein radikaler Stop sonst wirklich am besten, manchmal aber auch nicht nachhaltig. Mein (unfreiwilliges) 12-wöchiges Internetfasten ist auch schon wieder mehr als 5 Jahre her und die Effekte vergessen, ich will aber so überhaupt nicht nochmal so lange ich zwangsweise so viel zu Hause bin.

    5. Als ich mit meinem Freund zusammengekommen bin, war er ein echtes Konsumopfer, mittlerweile habe ich ihm in mühsamer Kleinarbeit das Hinterfragen "brauch ich das" halbwegs eingeprügelt, weil ich es nicht ertragen habe, dass er schneller die Schränke gefüllt hat, als ich Platz schaffen konnte und das Geld für bestenfalls kaum genutztes Zeug rausgeworfen hat - vor allem, da wir uns einig sind irgendwann demnächst ein gemeinsames Konto haben zu wollen. Mal sehen, wie sich das langfristig entwickelt, aber mit ein paar Regeln sollte das funktionieren können :)
    Sonst bin ich für leben und leben lassen und nicht mit allzu kauflustigen Menschen einkaufen gehen, das ist nur frustrierend für beide Seiten. Dann lieber Kino oder so.

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  2. Ah schönes Spielchen. Kommt auf meine "Mach ich, nur nicht heute"-Liste. ;) :D Vielleicht. Als Anregung. Zizerlweis ließe sich wohl gut mit "Salamitaktik" beschreiben. Scheibchenweise.
    Ist übrigens mein Mittel der Wahl, wenn es um Veränderungen geht und ich aus welchen Gründen auch immer keine Kraft für eineng roßen Sprung habe. So zizerlweis habe ich das Gefühl wenigstens ein klein bisschen näher an mein Ziel gekommen zu sein. Das frustet mich weniger, als es dann ganz zu lassen. Wobei ich, vor der Wahl stehend, auch lieber große Projekte wuppe und nicht zig verschiedene gleichzeitig in Minischritten. Ist aktuell genau mein Thema... zu viele große Projekte, viel zu wenig Zeit. Das gefühlte Nicht-voran-Kommen frustet mich massiv. Richtige Richtung hin oder her, es ist zum Schreien... Also dann, nächster Minimalismusartikel.

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  3. Es ist gar nicht mal so verkehrt sich damit auseinanderzusetzen, warum man das alles überhaupt macht. Bisher war es bei mir so, dass ich mich damit wohlfühlte und das reichte mir um so weiterzumachen.

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