12. Februar 2014

Green Status Anxiety

Auf Twitter ist mir letzte Woche ein Vortrag über Status Anxiety untergekommen. Besonders die Zusammenhänge und Paradoxa sind sehr interessant! Aber gleichzeitig dachte ich, naja, aber ich bin da eh nicht so wirklich davon betroffen.



Viel Geld, ein fettes Auto, Designerkleidung oder -möbel waren mir noch nie wichtig. In meiner Jugend hab ich meinen Spaß dabei gehabt, meine Umgebung mit der Inkongruenz meines Äußeren und Inneren zu verwirren. Ich bin ziemlich immun gegen Status Anxiety, spiele maximal mit ihr. Dachte ich.

Vor einem halben Jahr fiel mir ein iPad in den Schoß. Nach monatelangem Herumüberlegen (es wär halt so praktisch vs. will ichs oder brauch ichs?) konnte plötzlich eine Freundin Geld gut brauchen und so kaufte ich ihr ein iPad3 ab. Ich wollte nie was von Apple besitzen. Klar, die Verarbeitung ist gut, Hardware und Software sind perfekt aufeinander abgestimmt und die anderen Hersteller haben genauso Dreck am Stecken, was die Produktion angeht. Aber dann muss ich an all die Hipster und Bobos denken, die ja soooo wahnsinnig künstlerisch und hip sind und deswegen Appleprodukte besitzen. Zwar kenne ich auch sehr liebe Menschen, die ein Macbook oder iPhone haben, aber der Zusammenhang zwischen den Variablen "Appleproduktbesitzer" und "unsympathischer arroganter Angeber" ist statistisch signifikant, davon bin ich überzeugt!
Ja, ich schäme mich für dieses Ding. Nicht nur wegen Apple, sondern auch weil ich Tablets immer für komplett nutzlosen bedürfnisgenerierenden Wirtschaftswachstumsscheiß gehalten habe. Wenn ich in der Öffentlichkeit mein iPad benutze, achte ich jedenfalls drauf, dass man wenigstens den blöden Apfel auf der Rückseite nicht sieht.
(Ich bin damit nicht allein. Mein Freund hatte das Pech, ein gebrauchtes iPhone4 zu bekommen, in seinem Fall sogar geschenkt und meint letztens so verzweifelt zu mir: Was soll ich nur tun, ich find das iPhone toller als mein altes Smartphone!)

Anderes Beispiel: Schuhe. Mein Verhältnis zu Waldviertlern war immer schon gespalten. Einerseits genial: kleine soziale Schuhfabrik im Waldviertel, einer strukturschwachen Gegend nordwestlich von Wien, zeitlose und sehr hochwertige, bequeme Schuhe (wenngleich auch etwas äh rustikal). Andererseits hat die jetzt echt jeder. Zumindest jeder, der irgendwie in die Sparte "Linke mit höherer Ausbildung und Umwelt/Sozialbewusstsein" passen. Eingangsbereich bei Studentenparties: 80% Waldviertler.
Ich wollte nie Waldviertler, weil ich im Nachhaltigkeitsbereich studiere und in ein paar Monaten auch arbeiten werde. Weil eben alle die tragen. Weil ich Angst um meine Individualität habe und in der Folge auch Rechtfertigungsgefühle bei Öko-Entscheidungen, dass ich die eben nicht fälle nur weil sie hip und in sind.
Naja, jetzt hab ich welche... Das Zauberwort "Sonderanfertigung" war es, das meine verdammt schmalen Fersen magisch ins Geschäft gezogen haben. Ich besitze nun zum ersten Mal in meinem Leben Schuhe, in denen ich nicht schwimme oder Blasen bekomme oder nach ein paar Monaten das Fersenleder durch hab. Das geschickte Fußbett hat sogar meinen leichten Knickfuß erledigt.

Gibt es Green Status Anxiety? Sich dafür schämen dass man im SecondHand-Geschäft wieder mal nix gefunden hat und dann doch zum H&M gegangen ist? Bei Besuch schnell die Packung von den Hofer/Aldi-Keksen verschwinden lassen? Sich wegen dem Besitz von Lifestyleprodukten schämen? Ökozeug nicht kaufen, aus Sorge vor dem Vorurteil, man kaufe es ja nur weil es so hip ist und nicht weil man es wirklich gut findet - oder schlimmer: weil man glaube, es gäbe grünes Wirtschaftswachstum und man könne weiterkonsumieren wie bisher, hauptsache grün? Oder weil man sich so öko-snobbish gegenüber wirtschaftlich benachteiligten Menschen vorkommt, die sich den ganzen Kram nicht leisten können?
Ja, die gibt es. Definitiv.

Was denkst du denn drüber? Kennst du dieses zwiespältige Gefühl?

Kommentare:

  1. tscha. nix is perfekt, da kann man sich strecken wie man will..immer kommt des menscheln durch - alte muster nachhaltig (a so a inflationär-sch..wort) verändern ist echt eine challenge..ich merks beinahe täglich an der veganfront, da kanns an a fest reinpfeifen - und dann? no weitermachen - besser über zu große vorsätze stolpern als keine haben!
    a.

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    1. Bei Vegan sieht man auch ziemlich super das Image, das man nach innen in die Bewegung haben will, muss, braucht und das Image nach außen hin. Oft ein ganz schönes Gezerre an beiden Seiten, und immer das Theater um die Balance, die man wahren muss, um beiden Normen und Vorurteilen gerecht zu werden, um eine halbwegs integre Identität aufzubauen. Viele machen das ja mit veganen Statussymbolen wie Vitamix, Dörrgerät, Spiralidrehdings... Vegan Status Anxiety? Ohne Vitamix ist man kein echter Veganer? Ohne Grünkohl im Einkaufswagen zählt man nicht?

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  2. Green Status Anxiety nennt sich das also. Wusste ich gar nicht. Ein bisschen kenne ich das glaub auch, aber mir scheint das ein extrem umfeldabhängiges Phänomen zu sein. In letzter Zeit bin ich öfter damit beschäftigt, nicht zu öko/radikal/komisch zu wirken ohne mich selbst dadurch zu verlieren. Liegt wohl auch an meinem Arbeitsumfeld.

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    1. Ja, ich beobachte das auch, dieser Zwiespalt, wie ich auch oben geschrieben hab. Green Status Anxiety ist meine Wortkreation, ich weiß nicht, obs dasWort wirklich gibt. Ich kann das Konzept auch noch nicht so gut in Worte fassen, aber ich freu mich echt, dass es anderen genauso geht. Dass das Image so von Dingen abhängt, obwohl man doch eigentlich dagegen ist...

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