12. November 2015

Das neue Biedermeier

In Kommentaren zu Frau Dingdongs Gedanken zu Minimalismus und Konsumauszeit fragte Nanne, was Sabrina und ich mit dem Rückzug ins Private, den wir wahrnehmen, meinen.
Statt das nur in einen Kommentar zu packen, hab ich gedacht, ich antworte gleich hier im Blog.

Das mit dem neuen Biedermeier nehme ich schon seit Jahren so wahr. Generell. Was im 19. Jh. die starke Zensur ist heute die Verunsicherung und Überforderung mit Wirtschaftskrise, politischen Problemen, diversen Umbrüchen.
Was im Biedermeier der Rückzug ins traute Heim, die Picknicks, die Romantisierung des Landlebens und vergangener Zeiten (Mittelalter), die Naturgedichte waren, sind heute ebenfalls der Rückzug ins traute Heim (allein die schiere Unmenge an Einrichtungsblogs!), die Romantisierung vergangener Zeiten (Mitte des 20. Jahrhunderts: (Ur-)Omas Zeiten) und des Landlebens (Stadtflucht junger Familien, Auflagenzahlen von Magazinen wie "Landlust" - die häufig nur verträumt konsumiert werden, deren Inhalt aber nie umgesetzt wird).
Auch den Minimalismus in der heutigen Ausprägung seh ich darin verortet. Klar, es ist auch nur eine Frage der Zeit gewesen, bis immer mehr Menschen mit dem Überkonsum überfordert sind, völlig übersättigt. Aber die derzeitig vorherrschende Ausprägung vom Minimalismus bleibt hauptsächlich auf der Ebene von Besitztümern, von Zeug. Das traute Heim wird entrümpelt. Der Fokus bleibt biedermeierlich im Dunstkreis von "ich, meine Familie, mein engster Vertrautenkreis".
Auf der Strecke bleibt die Interaktion mit der Außenwelt. Politisches und gesellschaftliches Engagement.

Was denkst du drüber?

Kommentare:

  1. Stimme zu. Ich denke, das macht es ja auch für viele (introvertierte) so attraktiv, nicht nur weil eine minimalistisch lebensweise ein Gegenpol zu den "ich kauf nur Bio und Fair"-Hipstern (extrovertiert) ist

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  2. "Auf der Strecke bleibt die Interaktion mit der Außenwelt. Politisches und gesellschaftliches Engagement."

    Ist es nicht das hochgesteckte Ziel jener, die dem Minimalismus frönen, die dadurch gewonnene Zeit, für eben jenes Engagement zu nutzen?

    Zumindest behaupten das einige.

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  3. Hallo,
    was den Biedermeier und die heutige Zeit angeht, stimme ich dir total zu. Das verstehe ich auch - nur den Zusammenhang mit Minimalismus den sehe ich nicht überall so. Bei mir ist die Entscheidung für Minimalismus einhergehend gewesen mit politischen Überlegungen und mit einer politischen Haltung im Alltag. Durch den Minimalismus und die Beschäftigung mit Nachhaltigkeit bin ich politischer geworden, wobei sich das nicht in der Aktivität in einer Partei äußert, aber eben im alltäglichen Handeln.
    LG Nanne

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  4. Was ich geschrieben hab, war definitiv nur ein Gedankensplitter.

    Minimalismus finde ich nicht per se biedermeierlich. Für mich war und ist er ebenfalls Mittel zum Zwecke der Zukunftsfähigkeit (aber auch, weil mir eine aufgeräumte reduzierte Umgebung auch den Kopf aufräumt, und weil ich nicht gerne putze). Ich sehe aber durchaus eben auch diesen Rückzug ins Private, ganz generell, und der macht nicht vor der Minimalismus-Subkultur Halt.
    Da gibt es sicher noch sehr viel zu überlegen.
    Ich weiß ja selber nicht so recht, wo ich mich da positionieren soll. Ich kann nicht gut abschätzen, wo ich mich ebenfalls ins Private zurückziehe, und wo es auch einfach meine Introversion ist. Veränderungen in meinem Verhalten und Anhäufen und Weitergabe von Wissen liegen mir sehr, aber politisches Engagement oder ein Ehrenamt ist mir eher zu extrovertiert. (Was lustig ist, weil mich viele für extro halten, aber egal).
    Ich glaub, das ist ein Thema, wo ich noch mehr drüber nachdenken muss. Und den nächsten Gedankensplitter posten werde ;)

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