20. November 2013

Vom Selbstbestimmungsmuskel


Seit ich meinen alkoholfreien Blogeintrag geschrieben hab und Lunalesca von ihrem Lin-Chi-Projekt berichtet, ist mir plötzlich aufgefallen, wie viele Leute eigentlich (dieses Mal) lieber keinen Alkohol trinken würden. Sie bestellen ihn trotzdem, weil es zum Fortgehen dazugehört, weil alle anderen auch Alkohol trinken oder weil es zu ihrem Image, ihrem Beruf oder ihrer Geschlechterrolle gehört.

Oder ist es bei dir etwas anderes? Ist es das Schminken, das du nur tust, weil du das Gefühl hast, es wird von dir verlangt? Isst du nur Fleisch, weil Gemüse was für Mädchen ist? Rasierst du dir die Beine im Winter nicht, aber tust dir die Prozedur zähneknirschend an, wenn es jemand sehen könnte? Postest du auf Facebook, obwohl es dich anödet? Hältst du Diät, obwohl du dich mit ein paar Kurven eigentlich genauso gut oder besser finden würdest? Schaust du das Fußballmatch nur, um am nächsten Tag mitreden zu können?

Ich sag dir jetzt die Wahrheit:

Du hast die Wahl.

Du hast die Wahl, deine Achseln zu rasieren oder nicht. Du hast die Wahl, als erwachsener Mensch Alkohol zu trinken oder nicht. Wenn dir der Urlaub ohne Kamera mehr Spaß macht, dann dürfen deine Erzählungen ausreichen. Du darfst Widersprüche in dir vereinen und du darfst Dinge anders machen als die anderen.
Was du magst, tust und findest, bestimmst immer noch du selbst!

Es wäre natürlich schön gewesen, wenn einem das mal jemand zu Beginn der Pubertät gesagt hätte oder wenn einen auch jetzt noch jemand manchmal dran erinnern würde.
Du und ich, wir sind Menschen und wir leben nicht in einem sozialen Vakuum. Die eine Wahl ist erwünschter als die andere, das heißt aber nicht, dass es keine Alternativen gäbe. Du hast ein Recht auf Alternativen, nur wird das niemand für dich aushandeln. Der Widerstand gegen soziale Normen und Gruppendruck muss also trainiert werden wie ein Muskel – unser Selbstbestimmungsmuskel.
Klar gibt es Bereiche, wo sozialer Druck gut ist, damit wir uns nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen oder damit wir anderen helfen. Aber unrasierte Beine zu haben oder kein Bier zu mögen tut niemandem weh.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es gar nicht auffällt, wenn du etwas nicht tust!
Du wirst vielleicht gar nicht glauben, wie viele Menschen in deinem Umfeld etwas ebenfalls nicht tun, überhaupt kein Problem damit haben, wenn du etwas nicht tust – oder es wider Erwarten sogar genial finden!


Eine kleine Trainingseinheit für den Selbstbestimmungs-muskel


Bleiben wir mal beim Alkohol.
  1. Warum tust du es? - Setz dich hin und überlege dir in Ruhe, warum du Alkohol trinkst. Ob du ihn überhaupt magst, in welcher Form, wann, wieso. 
  2. Probiere es mal ohne. - Heute abend ist dein erstes Getränk alkoholfrei. Unangekündigt und unkommentiert.
  3. Beobachte. - Fällt es jemandem auf? Wird es zum Tischgespräch? Hast du das Gefühl, dich rechtfertigen zu müssen? Fühlst du dich wohl, komisch, ungewohnt, befreit?
  4. Ziehe es durch. - Es soll nicht zur Qual werden, aber wirklich interessant wird es nur, wenn du es tatsächlich durchziehst. Die anderen sind schon besoffen, du nicht. Wie fühlst du dich? Hast du Spaß? Bist du genervt? Merken es die anderen überhaupt noch?
  5. Backup. - Hab einen "Notfallknopf" parat, mit dem du jederzeit das Experiment abbrechen kannst, wenn es zur Qual wird.
So oder nach deinem Geschmack abgewandelt kannst du (gerne erstmal in einem geschützten Rahmen) erste Erfahrungen damit sammeln, wie es sich anfühlt, auf gesellschaftliche Konventionen zu verzichten, auf die du in Wahrheit gar keine Lust hast. Vermutlich gar nicht mal so schlecht ;)

Das Wesentliche an der Sache ist, Dinge nur dann zu tun, wenn du und nur du allein darauf Lust hast und zu lernen, auch gegen den Strom zu schwimmen, wenn es sich richtig anfühlt. Dinge zu hinterfragen (auch das andere Extrem), dein Wohlfühlmaß zu finden, aber auch Extreme zu testen und Kompromisse eingehen zu können. Manchmal wird nur Konsequenz akzeptiert („Aber geh, dann kannst du heute ja wohl eine Ausnahme machen!“), oder Konsequenz fällt uns selbst leichter. Nicht jeder ist begeistert, wenn sich die Freundin die Achseln nicht mehr rasiert ;) - aber erstaunlich viele haben unerwarteter Weise damit gar kein Problem!


Hast du schon gesellschaftlich erwünschte Verhaltensweisen aufgegeben, reduziert, adaptiert oder doch wieder gemacht? Kennst du noch anderes, was „man halt so macht“, weil es „alle machen“?

Kommentare:

  1. Ich bin wohl die vorbildlichste NEIN-Sagerin ;) Habe allen Zigaretten-Angebote widerstanden (und war deshalb Außenseiter) und Alkohol fand ich immer eklig, bescheuert und gefährlich. Mittlerweile trinke ich manchmal (selten) ein gutes Glas Weißwein, Met oder mal einen Cocktail. Aber bei einem Glas bleibt es dann und das nur aus Genuss, nicht weil mich jemand dazu drängt.
    Weil du das Thema Schminken ansprachst: ich habe vor 5 Jahren mal total drauf verzichtet, weil ich diesen gesellschaftlichen Zwang furchtbar fand, und hab mich 1 Jahr lang nicht geschminkt. Schlusssendlich hab ich doch wieder angefangen, aber nur für mich und denke das ist gut und kann ich mit gutem Gewissen sagen :)

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  2. Mein Selbstbestimmungsmuskel kann die Musik die "normalerweise" im Radio läuft zu 95% nicht ausstehen. Deshalb maule ich immer und schalte auf meinen geliebten Alternativ-Sender um (FM4 statt Ö3). Im Zweifelsfall wird die Musik einfach abgestellt. Damit stoße ich sehr oft auf Unverständnis xD

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  3. Hihi und mein Selbstbestimmungsmuskel rasiert sich die Beine nur selten, weil er den Flaum niedlich findet, er trinkt keinen Alkohol, schminkt sich fast nie, lackiert sich nie die Nägel, schießt keine Urlaubsfotos, hat kein Facebookprofil und sieht auch allgemein nicht ein, warum er Dinge machen soll, nur weil alle andern. Ja, mein Selbstbestimmungsmuskel ist Feminist :D Aber er hat schon auch Bereiche, wo er noch etwas schwächelt, der Selbstbestimmungsmuskel ;)

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  4. Hallo, ja du hast so recht: Wenn einem das doch schon in der Pubertät gesagt worden wäre: Du hast eine Wahl!
    Das setzt aber voraus, dass da jemand ist, der weiss, dass es eine Wahl gibt. Wenn Eltern, Lehrern, das gesamte Umfeld alles machen wie alle, dann..
    Ich habe einen langen Weg hinter mir und bin nun seit 4 Jahren konsequente Alkoholverweigererin. Mir wurde immer schlecht davon, aber "weil alle, und man ist ja dann auch viel lustiger, blabla".
    Außerdem lebe ich seit gut 3 Jahren vegan, bin überzeugte Christin, trage Menstruationstasse und habe meine Kinder zu Hause zur Welt gebracht, auch wenn das viiiiiiiiiiieel zu gefährlich ist. *nick*
    Naja, ich weiss zum Beispiel seit letztem Jahr auch mit Bestimmtheit, dass ich rasierte Beinchen und Achseln bei mir für mich selbst absolut gut und prima finde. Habe das nämlich ein paar Monate ausprobiert. Das finde ich eh das Wichtigste und nur so wenige verstehen es: Für eine gewisse Zeit es einfach mal anders machen als sonst und schauen, ob es nicht vielleicht viel geiler so ist. Und wenn nicht: Zurück zu vorher, aber mit einer großen Portion Selbsterkenntnis im Gepäck.
    Danke für diesen sehr guten Artikel.
    Alles Liebe von Nina

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  5. Mir gefällt das Konzept des Selbstbestimmungsmuskels. Ich frage mich gerade, ob meiner wohl schwächer geworden ist oder ob's daran liegt, dass ich meine Trainingsumgebung gewechselt habe.

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