7. November 2013

Ich habe manchmal eine Weizenwampe.

Als tendenzvegane Vegetarierin mit Sojaallergie greift Madame Materialfehler gerne auf Fleischersatz auf Weizenglutenbasis zurück und wird meist mit einem Kugelbauch belohnt (glaubwürdiges sechstes Schwangerschaftsmonat). Vielleicht hat Weizen auch mit der öfter vorkommenden dämmrigen Dösigkeit und so manchen Konzentrationsproblemen zu tun. Glutensensitiv bin ich laut Bluttest allerdings nicht.
Warum der Weizen das mit mir macht, wollte ich herausfinden und habe nun auch dem Onlinehype folgend "Weizenwampe" von William Davis gelesen.
Mein Gesamteindruck von diesem Buch ist jedoch nicht so euphorisch wie viele Berichte im Netz - aus folgenden Gründen:

Es gibt Widersprüche und Argumentationslücken
Zuerst schreibt der Autor bzw. der Übersetzer, das Problem sei in Deutschland nicht so gravierend, da neben Weizen auch Roggen, Dinkel und Hafer gegessen wird. Später betont er, alles was für Weizen gelte, gelte für alles glutenhaltige Getreide. Äh, ja, was jetzt?
In den 1950ern waren alle Menschen schlank, steht da. Der Autor meint, das läge daran, dass damals noch kein Frankensteinweizen gegessen wurde. Dezent ignoriert wird u.a. die Tatsache, dass damals die Alltagsbewegung selbst für Schreibtischbeamte enorm war - ein paar Schlagworte: kaum/keine Haushaltsgeräte, keine Fertigprodukte (Blätterteig selbstgemacht!), kein Fernseher, kaum Autos. Meine Mutter ist 65, meine Großmutter 94, sie sind beide in bürgerlichen Familien in der Wiener Innenstadt aufgewachsen und ihre Erzählungen handeln von Waschrumpeln, unzähligen Stunden die in der Küche verbracht wurden, unglaublich schwere Rosshaarmatratzen die alle zwei Wochen gewendet werden mussten, alles wurde selbst gemacht (stricken, nähen, kochen, flicken), getrunken wurde nur Leitungswasser, wer Musik wollte musste sie selbst machen, Süßigkeiten gabs nur am Wochenende und Stubenhocken war verpönt.
Die zitierte China Study zeigt, dass Weizen zu Zivilisationskrankheiten führt, Hirse und Reis aber nicht. Trotzdem wird gleich jedes Getreide verteufelt, die Argumentationsgrundlage des Autors (Studien usw) bezieht sich aber nur auf (industrielle) glutenhaltige Getreidesorten.
Milch- und Milchprodukte sind ebenfalls dafür bekannt, (in größeren Mengen) zu Zivilisationskrankheiten zu führen. Vielleicht nicht in dem Ausmaß, wie die China Study das feststellen wollte, trotzdem müsste der Autor seiner Argumentationslinie folgend  ("wenn es so viele Menschen gibt, die Gluten nicht vertragen, ist es vermutlich für keinen Menschen gesund") auch vom Milchkonsum abraten (3/4 der Weltbevölkerung ist von Natur aus laktoseintolerant), was er aber nicht tut - was aber auch ein Themenproblem ist (wie weit kann er von seinem Weizenthema abschweifen?).

Der Autor schert alle Menschen über einen Kamm
Er schreibt hauptsächlich von kranken Menschen. Diabetiker und Schizophrenieerkrankte. Adipöse Menschen und Neurodermitiker. Zöliakie und Autismus. "Extreme" Fälle verlangen oft nach "extremen" Behandlungen. Warum aber Weizen auch für gesunde Durchschnittsmenschen nicht so klug sein kann, kam für mich aus dem Buch nicht wirklich heraus. Menschen sind individuell und so sollte auch ihre Ernährung sein. Vollwerternährung mit all ihrem Getreide funktioniert ja schließlich auch bei vielen Menschen gut, bei anderen wiederum gar nicht.

Es kommt wieder einmal das Paläoargument...
Das Paläoargument. Wir sind immer noch die Steinzeitmenschen wie vor 20.000 Jahren und sollten uns daher auch so ernähren. Oh Mann! Nur weil uns noch keine Teleskoparme gewachsen sind, heißt das nicht, dass die Evolution in den letzten 50.000 Jahren pausiert hat! Oder wie erklärt er sich die Tatsache, dass vor 5-7.000 Jahren plötzlich bestimmte milchwirtschaftende Völker Laktose bis ins hohe Alter verdauen konnten (obwohl das Säugetiere nach dem Abstillen nicht mehr können)? Eine Tatsache, die der gute Mann übrigens dem Leser dezent unterschlägt. Klar, als vor 10.000 Jahren der Ackerbau eingeführt wurde, war das offensichtlich nicht das Beste - nach der Eiszeit ist die Megafauna (die riesigen Viecher) ausgestorben und dann wurde es eng in der Speisekammer. Freiwillig aus Langeweile wurde jedenfalls nicht mit Ackerbau experimentiert. Die Menschen sind plötzlich kleiner geworden, immer ein schlechtes Zeichen, und früher gestorben (kann aber auch an der Sesshaftigkeit in großen Gruppen mitsamt Nutztieren gelegen haben, Stichwort Epidemien). Aber ob sich der Mensch in der Zwischenzeit an die veränderte Nahrung vielleicht doch gewöhnt haben könnte, so wie sich unsere Vorfahren an Fleisch gewöhnt haben (Zähne, Darmlänge), das wird dezent verschwiegen (und ich weiß es auch nicht). Ein Erfolgsrezept des Menschen ist jedoch definitiv, dass er mit so ziemlich jedem Futter überleben kann, von den Inuit die fast nur Tiere essen bis zu rein vegetarischen Regenwaldvölkern ist alles drin: Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Insekten, Getreide mit und ohne Gluten.

Der Autor kommt vom Hundertsten ins Tausendste
Zuerst ist es nur der Weizen, der problematisch ist. Dann doch alles mit Gluten. Und schließlich plötzlich doch eigentlich das gesamte Getreide. Im Endeffekt empfiehlt der Autor nicht, wie man es erwarten sollte, eine glutenfreie, sondern eine low carb Ernährung. Die, wie man weiß, nicht bei jedem Menschen (dauerhaft) funktioniert.

Mich stören generell diese ernährungstechnischen Verheißungen. Egal ob Paleo, Vollwert, Vegan, Rohkost, die traditionelle Ernährung der eigenen Kultur oder andere Formen - Ernährung wird für meinen Geschmack ein bisschen zu oft zur Religion: Ernährweise XY sei die einzig wahre, man müsse sich nur akribisch an die Regeln halten, um ewige Jugend, Gesundheit und Glück zu erlangen. Wenn man Probleme durch die Ernährung bekommt, macht man etwas falsch. Argumentiert wird meist mit der menschlichen Enwicklungsgeschichte und "der Natur", wissenschaftliche Studien werden oft zugunsten der Ernährungsweise ausgelegt, Widersprüchliches dezent ignoriert.
Ja, auch bei diesem Buch habe ich stellenweise einen religiösen Eindruck bekommen.

Natürlich finde ich das Buch nicht durchwegs schlecht (ich versuche nur, mich kurz zu fassen). Überzüchtungen in unseren Nahrungsmitteln sind auch ganz ohne Gentechnik ein Problemfeld, dem noch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dieses Buch wurde nicht von irgendeinem Journalisten geschrieben, sondern von einem Arzt, der mit seiner Erkenntnis schon vielen Menschen helfen konnte. Besonders Menschen mit hohem Blutdruck, Prädiabetes und ähnlichen Problemen können von den Informationen stark profitieren. Obwohl ein populärwissenschaftliches Werk, ist es voll mit fundierten wissenschaftlichen Informationen zu z.B. Blutwerten.
Ich bin auch der Meinung, dass die industrielle Landwirtschaft sich keinesfalls in eine gute Richtung bewegt, und dass unsere verkorkste Ernährung Mitschuld an vielen unserer Probleme ist.
Der Mann ist Internist und weiß, wovon er schreibt. Vielleicht ist es wegen seiner polemischen Schreibweise, dass ich seine Aussagen mehr hinterfrage als glaube.

Ich persönlich habe aus dem Buch nicht besonders viel mitnehmen können. Die meisten Probleme, die angesprochen werden, sind komplette Krankheitsbilder und treffen auf mich nicht zu (Zöliakie, Diabetes, Adipositas, Schizophrenie usw). Meine Frage, warum Weizen auch für gesunde, schlanke Menschen ein Problem sein kann, wurde für mich nicht ausreichend beantwortet.

Man darf bei der Lektüre nicht vergessen, wie komplex das alles ist. Es gibt nicht die eine böse Ursache. Viele der im Buch beschriebenen Probleme und Symptome können auch von anderen Dingen (andere Lebensmittel, andere Unverträglichkeiten, Umweltgifte, Psychosoziales, Medikamente wie die Pille, ...) mitverursacht werden und tun das im Normalfall auch.

Soll man also das Buch nun lesen oder nicht? 
Ich tendiere zu "nicht notwendig". Man kann es ruhig so machen wie Lunalesca und einfach an sich selbst testen, ob man sich ohne Weizen, ohne glutenhaltiges Getreide oder überhaupt ohne Getreide besser fühlt. Wer aber eine Argumentationsgrundlage benötigt, um Leute zu überreden, Weizenverzicht zum Wohle ihrer Gesundheit zu testen, dem sei ein Kauf vermutlich angeraten.

Kommentare:

  1. Vielleicht gelangt der Autor zu keiner klaren Aussage, eben weil man nicht ein für alle Menschen gültiges Dogma aussprechen kann? Schade nur wenn er deshalb in seinen Ausführungen ins Diffuse abrutscht.

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    1. Er kommt ganz im Gegenteil zu einer sehr klaren Aussage, die ich allerdings nicht teile, weil sie u.a. polemisch ist und Scheuklappen auf hat. Beziehungsweise: Das Buch ist halt einfach für kranke Menschen geschrieben worden und so muss man das auch lesen. Auch wenn der Autor alles absolut setzt.

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  2. Übrigens habe ich in den letzten Wochen drauf geachtet (so kann man Seitandöneressengehen nämlich auch bezeichnen: Ein Glutenexperiment, muahaha!), wie das mit meinem Kugelbauch nach dem Essen so ist und bekomme so schön langsam das Gefühl, dass der eher von meiner fehlenden Bauchmuskulatur kommt. Mit fehlend meine ich tatsächlich: nicht existent. Hohlkreuz. Klar, dass da schnell alles schlaff nach vorne kugelt.
    Wird noch weiter beobachtet. Und ein bisschen die Bauchmuskeln animiert.

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    1. Bist du sicher, dass fehlende Bauchmuskeln schuld sind? Ich erinnere mich, bei F.X.Mayr folgende Darstellung gesehen zu haben (nicht dass ich Heilfasten jetzt toll finden würde; kenne das Programm ausserdem nur sehr rudimentär)
      http://www.mayr-gesellschaft.com/img/Bauchformen_kl.jpg
      Da sieht man, wie ein Blähbauch den ganzen Bewegungsapparat in eine gebeugte Haltung zieht. Aufrecht stehen ist tatsächlich voll schwer, wenn man gerade viel gegessen hat, Stichwort Familienfeier. Auf der anderen Seite, isst man mal sehr wenig und stellt sich vor den Spiegel, ist der Bauch plötzlich total flach (also bei mir halt).

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